Einführungsrede von Margot Michaelis zur Ausstellung Neue Arbeiten im Tillyhaus, Salzgitter am 13. Mai 2014

erstellt am: 14.05.2014 | Kategorie(n): Ausstellungen, Fotografie, Malerei, Video

Was kann man mit unterschiedlichen Papiersorten, mit Leim, Caparol, Pigmenten und Pinselspuren alles machen? Um dergleichen zu erproben überrascht der Künstler Michael Ewen immer wieder mit neuen Bildkonzepten, in denen sich seine Neigung zum experimentellen und zugleich reflektierten Vorgehen widerspiegelt. Die hier ausgestellten Arbeiten sind nicht das Ergebnis des reinen, freien Experimentierens oder gar aus bloßem Probieren entstanden – hier knüpft ein Künstler an seine Erfahrungen an, es wird eine Linie erkennbar, die aus den bisherigen Arbeiten erwächst. Also eine Art Horizonterweiterung im eigenen Werkkonzept.
Da gibt es etwa das Strukturelle, das man schon in seinen zuletzt gezeigten landschaftsähnlichen Acrylmalereien vorfand. Eine Idee, die aber ebenso im Kontext seiner Fotoarbeiten erkennbar wird. Auch da findet sich das Rhythmische wie auch das Interesse an Feinst-Strukturen, an Oberflächen, an Licht- und Schattenspielen. Wie sich etwa eine Lichtspiegelung diagonal über eine senkrechte Form legt, oder schräge Lichtstrahlen die Senkrechte eines gestreiften Stoffes durchschneiden. Vorgefundene Raster werden in einigen Fotografien von anderen Elementen gleichsam als spannungsvolle Störer durchbrochen. Das sind Beobachtungen, von der Kamera festgehalten, die nunmehr als Erfindungen in den gemalten Bildern auftauchen und eine neue Realität schaffen.
Während in den Fotografien also die abgebildete Realität in eine Struktur gebracht und gleichsam einem Rhythmus des Betrachtens unterworfen wird, so rhythmisieren die malerisch-experimentellen Arbeiten die Bildfläche, um daraus eine Vorstellung von Wirklichkeit zu generieren.
Man glaubt, etwas wie Architekturen, Fensterdurchblicke, aber auch Textiles zu erkennen. Tatsächlich sind es er-fundene oder besser ge-fundene Bildwirklichkeiten, die Michael Ewen mit Pinsel oder Rakel über viele Schichten von Papier gelegt hat. Es ist spannend, sich über den Herstellungsprozess hinter der Bildillusion Gedanken zu machen, den man nicht mehr ohne weiteres rekonstruieren kann. Da wurde mit der Rakel gestrichen oder mit dem Pinsel getupft. Da gibt es ein Spiel mit Herausgeschnittenem, das wiederkehrt – mal in derselben Arbeit, mal in anderen Arbeiten. Das Abstoßen und Annehmen von Farbe durch den Bildgrund wird genutzt für eine spannungsvolle Auseinandersetzung mit dem Zufall, sodass reizvolle Oberflächen entstehen. Dem gibt sich der Künstler allerdings nicht einfach hin. Stattdessen unterwirft er den Zufall dieser regelhaften Rhythmisierung, aus der dann vielfältige Variationen neuer Bildstrukturen hervorgehen.
Und natürlich die Farbe! Farbnuancen werden abgetastet, Abstufungen von Blau, durch unterschiedliche Oberflächenanmutungen changierend, können mit Fetzen von Rot konfrontiert werden oder in Harmonie unter sich bleiben. Oder dominante Rottöne leuchten durch graue Oberflächen im Spiel mit Bildgrund und Figur.
Bald werden regelhaft gekreuzte Muster geschaffen, bald eher organische Ornamente. Brüchig und karstig wirkende Farbflächen werden mit geometrischen Streifen versehen, sodass aus diesem Kontrast der Texturen die Idee eines Fensters entsteht. Immer wieder rücken kleine Störungen dazwischen, etwa querliegende Papierfetzen, die die Vorstellung eines Fliesenbodens wecken.
Elemente, die hier nur in unserer Vorstellung entstehen, sind auch Motiv der fotografischen Arbeiten: das Zusammentreffen unterschiedlicher Oberflächen, die abblätternden Schichten von Wänden, aber ebenso Stoffe, Muster – oft verbunden mit den schon genannten strukturierenden Lichteffekten.
Der Eindruck des Textilen in den malerischen Experimenten wird durch das scheinbare Durchlaufen des Motivs über die Bildränder hinweg verstärkt, eine Art Rapport. Das Ornament, das sich hier als Gedanke findet, ist übrigens seit einiger Zeit in der Gegenwartskunst wieder ein Thema, wie aktuelle Ausstellungen – jetzt in Goslar und vorher in Wolfsburg – belegen.
Architekturen, die ja eigentlich Raum sind, können ebenfalls diese textile, ornamentale und flächige Anmutung bekommen. Da werden Bildgrund und Gestalt zu gestaffelten räumlichen Ebenen, deren Entfernung nicht abschätzbar ist, die sich mal in der Fläche zusammenziehen und mal einen Tiefenraum illusionieren. Das sind Effekte, die auch durch unterschiedliche Brennweiten entstehen. Etwas, was dem Fotografen natürlich naheliegt.
Wir erkennen also, wie bei Michael Ewen künstlerische Konzepte und ästhetische Prinzipien von einer Bildgattung in die andere greifen.
In den hier gezeigten Fotografien finden wir diese Nähe zur Textur, diese Lust an der Komposition, am Raster, an der abstrakten Sichtweise, die auch die malerischen Werke enthalten. Hinzu kommt aber ein narratives Element, eine Art von Erzählen, das über das rein Dokumentarische hinausweist. Denkweisen, die in Fotografien vorkommen, aber vor allem in den Fotomontagen. In diesen Arbeiten eröffnet Michael Ewen Assoziationsfelder aus realen Erinnerungen, die dem Betrachter die Möglichkeit geben, eigene Erinnerungs-konstruktionen zu finden.
Das in vielen Fotoarbeiten angewandte offene Montagekonzept greift auf, was John Berger in seinem Fotoessay „Eine andere Art zu erzählen“ schreibt: „Das was sie (die Fotos, MM) zeigen, lässt sich nur durch die Reflexion aneignen. Die gefrorene Welt, die sie offenbaren, wird gefügig. Die Information, die sie enthalten, wird vom Gefühl durchdrungen. Erscheinungen werden zur Sprache des gelebten Lebens.“
Da gibt es zum Beispiel das Motiv der überlappende Spiegelungen, oder überlappenden Bildflächen, in denen im Hintergrund – wohl in einer Ausstellung – eine Person ein Bild betrachtet. Im Vordergrund der rätselhafte Blick einer jungen Frau auf den Betrachter, sowie das verblichene Bild einer älteren Frau in symmetrischem Gegenüber, getrennt und zugleich verknüpft vom Ausschnitt eines Vorhangs. Das Transparente einer Gardine, das zeigt und zugleich verschweigt, das Bild, das betrachtet wird, selbst aber nicht zu sehen ist, die korrespondierenden Bilder einer jungen und einer alten Frau – das ist schon Stoff für einen Film über die Vergänglichkeit des Lebens oder aber für eine Philosophie des Bildes. Denn nicht nur mehrere Motive schichten sich wie Erinnerungen, auch unterschiedliche Bildwirklichkeiten stoßen aufeinander.
Was ein Bild sein kann und was es mit uns macht, das ist eine Frage, die noch weitere der Fotografien aufwerfen – und die letztlich sogar die gesamte Ausstellung durchzieht.