Radierungen



Ausschnitt aus der Eröffnungsrede von Hans Manhart zur Ausstellung Zeichnungen am 18. Februar 1990 in der Galerie 333, Helmstedt

…Betrachten wir den nach einem New-York-Aufenthalt 1989 entstandenen Radierzyklus, aus dem einige Blätter gezeigt werden, so erblicken wir Häuserfluchten, Straßengetümmel – dramaturgisch geschickt in ein Hell-Dunkel getaucht -, Facetten einer Megastadt, die sich in ihren Glanzvorzeigepunkten sebstverliebt in glas- und metallglänzenden High-Tech-Türmen spiegelt.
Dieses Konglomerat aus Beton, Stahl, Glas, Licht, von Menschen, Macht und architektonischer Wucht interessiert Michael Ewen in seinen Bildern aber augenscheinlich nur vordergründig, gleichwohl es ihn stark beeinflußt hat.
Eigentlich legen seine Radierungen mehr die Abbauprozesse eines Stadtorganismus frei, deuten das Brüchige und Abründige eines architektonischen Molochs an, in dem der Mensch – ameisenhaft klein – zur anonymen Funktionsmasse wird.
Flüchtigkeit, Lärm, Hektik, die sich mit einer Vielzahl von visuellen und akustischen Eindrücken vor Ort verbunden haben, bleiben aufgrund der Ausschnitthalftikeit und Bildsprachlichkeit der Radierfolgen erhalten und spiegeln sich auch im Einsatz nichttraditioneller Mittel der Kaltnadelradierung wider.
Linien und Strukturflächen sind nicht mit der Radiernadel, sondern durch maschinelle Einfräsungen entstanden. Zink als Trägermaterial ist durch Kunststoff ersetzt worden.
Für den außenstehenden Betrachter verlieren die Radierungen durch ihre subjektive Ausdrucksschrift ihre sprichwörtliche Topografie. Dadurch verallgemeinern sie sich, erhalten etwas Metaphorisches, gewinnen geleichzeitig an Unbestimmbarkeit und Geheimnissen…